Ist das ein Hund?

Von Sarah, der Hunde-Rebellin

Seit  einigen Monaten bin ich stolze Besitzerin einer Fußhupe, Taschen-Lassies, Ratte, Teppich-Porsche, Accessoire-Frettchen oder wie es im Impfpass steht, eines Chihuahuas.

Ich nehme meine Hunde, wenn möglich überall hin mit und zum Teil auch in meine Traingsstunden. Dabei muss ich immer wieder über die Blicke innerlich schmunzeln, wenn wir beispielsweise Hundebegegnungen üben und ich meinen Kunden mitteile, ich hole einen meiner Hunde dazu. Tata, Auftritt des Chihuahuas. Scheinbar erwartet man von einer Hundetrainerin, dass sie einen Malinator, Schrotti oder zumindest einen Goldie aus dem Auto packt und nicht ein zwei Kilo Hündchen. Eine der ersten Reaktion ist: „Och, die ist aber süß!“ und die Gesichtszüge meines Gegenübers werden ganz weich. Nachdem man den Hundezwerg begutachtet hat, kommt dann sehr oft: „Also, für mich ist das ja kein richtiger Hund!“. Das ist genau das Thema, das ich in diesem Beitrag ansprechen möchte: sie ist ein richtiger Hund und alle anderen Kleinhunde auch.

Die Zwerge unter den Hunden haben so einen lustigen Blumenstrauß an Schimpfnamen, da diese häufiger durch heftiges Gebell, in einer Tonlage bei der Glas zerspringt, auffallen. Wenn diese Giftzwerge ihr Vorurteil vervollständigen wollen, brettern sie wild keifend vorne in die pinke Flexi-Leine, versuchen den überraschten Labbi ins Bein zu hacken, während Frauchen erfolglos versucht, den Fifi zurück zu rufen und zeitgleich beginnt, ihn wie an einer Angel einzuholen. Ach ja, das Schleifchen im Haar habe ich vergessen zu erwähnen. Auch wenn das jetzt stark überzeichnet ist, aber Hand aufs Herz, so was Ähnliches haben wir schon gesehen. Wenn man so rumfragt, warum diese Hunde solch einen Zwergenaufstand machen, bekommt man die einstimmige Meinung: die werden total verhätschelt und verzogen!

Aber wieso bekommen gerne die Kleinen ein Krönchen aufgezogen und leben als Prinzessinnen und Prinzen bis ans Ende ihrer Hundetage?

Gerade das Kindchenschema mit kleiner Statur, großem Kopf und Kulleraugen löst bei uns Menschen eine Brutpflegeverhalten aus. Dieses soll gewährleisten, dass wir uns hinreichend um unsere Menschenkindern kümmern, damit diese groß und stark werden und überleben. Das selbe Verhalten legen wir zum Teil auch an den Tag, wenn wir ein putziges Tierkind sehen. Jetzt haben wir einige Hunderassen auf dem Markt, die diese Kriterien eins zu eins erfüllen, auch noch im Erwachsenenalter wie lebende Plüschtierchen aussehen. Also nicht verwunderlich, dass gerade die französische Bulldogge, Mops, Malteser und eben der Chihuahua seit geraumer Zeit boomen und in den Neuanschaffungslisten ganz oben mit dabei sind. Diese Rassen erfüllen genau diese Kriterien. Soviel dazu, was die Zwerge bei uns psychisch auslösen und was somit eine Kaskade an Problemen mit sich bringen kann.

Man traut sich eben hier dann nicht so richtig, Grenzen in der Erziehung durchzusetzen, weil man  ja nicht gemein zu seinem Liebling sein will, denn er ist ja so klein und so niedlich. Man erhebt das Hündchen auf einen Thron und von dort aus regiert es dann das Leben seiner menschlichen Untertanen. Ihre Majestät gibt die Regeln vor, auf was es Lust hat und auf was nicht. Anstatt ihre Hoheit draußen ausreichend zu bewegen oder artgerecht zu beschäftigen, werden ihr dafür umso mehr körperliche Zuneigung entgegen gebracht und das Tier beinahe kahl gestreichelt. Hier allerdings wird interessanterweise nicht so viel Rücksicht auf das Wollen ihrer Durchlaucht genommen, obwohl es schon alle Stressanzeichen gleichzeitig gezeigt hat. Wenn das Tier einmal an der frischen Luft ist, wird es bei jeder Gelegenheit auf den Arm genommen, weil die anderen Hunde könnten es ja auffressen. Aber es ist ja eh einfacher, wenn man ein Katzenklo oder eine Pinkelunterlage in die Wohnung stellt. Dann kann man sich das lästige Spazierengehen ja auch sparen. Tja und so wundert sich der Mensch irgendwann einmal, dass der kleine Prinz oder die kleine Prinzessin verrückt wird.

Man kann einem Miniaturhund durchaus zumuten, dass er spazieren geht. Wenn das Tier gesund ist, sind da auch längere Spaziergänge drin. Wenn es kalt ist, kann und sollte man sein Tier vor der Kälte und Nässe schützen, weil diese durch ihre Bodennähe und Anatomie schneller auskühlen.

Er kann auch ohne Probleme draußen sein kleines und großes Geschäft erledigen. Ist das Tier alt und inkontinent ist das natürlich was anderes. Ein Hund, der regelmäßig in die Wohnung macht, könnte nämlich auch auf die Idee kommen SEIN zuhause gegen wildfremden Besuch und Postboten zu verteidigen.

Das nächste ist, wenn ihm die ganze Wohnung überlassen wird und er dort machen darf was er will, wird er das auch machen. Wieso denn auch nicht, er hat ja schließlich keine Veranlassung daran etwas zu ändern.

Es ist auch nicht notwendig, das Tierchen unnötig in Watte zu packen, sondern genauso an die Umwelt und den Alltag zu gewöhnen, dass das alles normal ist und nichts Gefährliches ist, wie man es bei einem „echten“ Hund auch macht. Sollte Tierchen zu ängstlich oder forsch bei der Begegnung mit anderen Hunden, Menschen oder what ever sein, kann man diesem genauso beibringen, was man stattdessen von diesem sehen möchte oder durch eigene Souveränität zeigen, dass alles nicht so schlimm ist.

Ebenso fällt das Hündchen nicht tot vom Sofa, wenn man ihm ruhig und fair die Grenzen und seinen Spielraum aufzeigt.

Was tatsächlich nicht so einfach im Training ist – die Viecher sind teilweise blitzschnell und entscheiden gefühlt im Bruchteil von Sekunden, was sie jetzt vorhaben. Oder sind durch die Züchtungen anatomisch nicht ganz einfach zu lesen, Mimik und Körpersprache nicht so einfach ersichtlich. Hier hilft es, den Zwerg zu beobachten und ein Feeling für die Situationen zu bekommen. Weil sind diese erst einmal losgewuselt, ist es meistens schon zu spät und dann ist es wirklich manchmal nicht ganz einfach ohne versehentlich draufzutreten oder drüberzufallen, die halbe Portion wieder in die Spur zu bekommen.

Daher mein Aufruf: macht euren Mini-Vierbeinern gedanklich die Stopfwolle raus und nehmt sie als das wahr, was sie sind: Hunde! – und behandelt sie doch bitte auch so. Eure Lieblinge werden es euch danken.

© Sarah Schmid – Petit Loup – Hunde Rebellen

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